Wiener Bahá’í-Gemeinde gedenkt ihrer Mitglieder jüdischer Herkunft29. January 2009 Wien – Dem ehrenvollen Gedenken Wiener Bahá’í jüdischer Herkunft, die nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland vor siebzig Jahren ermordet wurden, war eine Feier im Bahá’í-Haus in Wien gewidmet.
Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 fanden die Bestimmungen und Beschränkungen, die bereits gegen die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland erlassen worden waren, ihre Anwendung auch in Österreich. Mit dem zunehmenden Antisemitismus bestand nun höchste Gefahr für die Bahá’í jüdischer Abstammung. "Es begann das traurigste Kapitel für die österreichische Bahá’í-Gemeinde," wie Alex Käfer, Vorsitzender des Geistigen Rates der Bahá'í in Wien, in seiner Gedenkrede am 6.November 2008 sagte. Vor allem die Wiener Gemeinde war betroffen, der damals auch achtzehn Gläubige aus jüdischem Hintergrund angehörten.
Aktive Bahá’í-Gemeinde bereits in den 1920er Jahren
In Wien gab es bereits in den 1920er Jahren eine aktive Bahá'í-Gemeinde. Durch das Wirken eines der ersten österreichischen Bahá'í, Franz Pöllinger, hatte eine Reihe suchender Menschen auch jüdischer Herkunft zum Bahá'í-Glauben gefunden. Darunter waren zwei angesehene Damen der vornehmen Wiener Gesellschaft, Gisela Barasch und ihre Schwester Lilli. Sie stellten den Salon in ihrem Haus für Bahá'í-Treffen zur Verfügung. Dort fanden regelmäßig Studienabende, Kinderklassen sowie Bahá'í-Feste statt.
Acht dieser ergebenen Bahá’í-Gläubigen jüdischer Herkunft wurden nachweislich deportiert, wie aus dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) hervorgeht: Dr.Hugo Maier, Egon Fürth, Fanny Lewald, Paul und Regina Berghof, Friederike Scheininger, Eleonore Kaufmann und Regina (Rifka) Matzner.
Bei vier von ihnen – Dr.Hugo Maier, Egon Fürth, Fanny Lewald und Regina (Rifka) Matzner - vermerkt das Dokumentationsarchiv ein Konzentrationslager als „Todesort“. Doch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass alle acht genannten Deportierten in den Lagern umkamen, betonte Alex Käfer, Autor des Buches „Lasst euren Blick weltumfassend sein“ – Die Geschichte der österreichischen Bahá’í-Gemeinde, Horizonte Verlag 2005. (Der volle Text der Gedenkrede kann hier abgerufen werden.)
Stufenweise Diskriminierung bis zur Vernichtung
Zum Thema „1938 – Jahr der Pogrome“ sprach die Historikerin Dr.Eleonore Lappin vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Sie verwies auf die pogromartigen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden, die mit dem „Anschluss“ einher gingen, sowie auf die stufenweise einsetzenden menschenverachtenden Diskriminierungen, die schließlich in ihrer physischen Vernichtung gipfelten: Konfiszierung der Wohnungen und Geschäfte von Juden, Berufsverbot. Juden wurden gezwungen, mit Zahnbürsten vor höhnischen Zuschauern Gehsteige zu reinigen; auf jüdischen Geschäften, deren Inhaber in ein Konzentrationslager deportiert wurden, brachten Nationalsozialisten die zynische Aufschrift an „Jud’ auf Urlaub in Dachau.“ Eine breite Öffentlichkeit musste also von dem brutalen Vorgehen gegen ihre jüdischen Mitbürger gewusst haben, gab die Gastrednerin zu bedenken.
In der Nacht auf den 10.November 1938, von den Nazis zynisch „Reichskristallnacht“ genannt, wurden in Wien 42 Synagogen und Bethäuser meist durch Brände zerstört. 27 Juden wurden getötet und 88 schwer verletzt. Über 6.500 Jüdinnen und Juden wurden in Wien verhaftet, fast 4.000 von ihnen wurden ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. Für jüdische Menschen, die sich bisher als österreichische BürgerInnen gefühlt hatten, war dies der erste große „Zivilisationsbruch“, betonte Dr.Lappin.
An der Gedenkfeier, die von einem berührenden Andachtsteil sowie von musikalischen Darbietungen des Violinisten und Konzertmeisters des Tonkünstler Orchesters Niederösterreich Mag.Vahid Khadem-Missagh und der Pianistin Dorothy Khadem-Missagh wesentlich mitgetragen wurde, nahm eine Reihe von Persönlichkeiten aus den Bereichen Religion, Kultur und Wissenschaft teil, darunter der Vorstand des Instituts für Religionswissenschaft der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien Univ.-Prof.DDr.Johann Figl, der Generalsekretär der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft Ing.Johannes Kronika, der Präsident der Hinduistischen Religionsgesellschaft Dr.Bimal Kundu, der Leiter der „Kontaktstelle für Weltreligionen“ und Vorsitzender der Österreich-Sektion des World Council for Religion and Peace (WCRP) Rektor Msrg.Petrus Bsteh sowie ein hoher Regierungsbeamter. |
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